Auszüge aus einigen Werken
HIER IST DORT
Wir blickten uns um, alles wirkte völlig fremd. Ich kniff mich in den rechten Oberarm. Vielleicht würde der Schmerz helfen, wieder real zu werden; denn das hier war nicht, konnte nicht real sein. »Aua.« Milan sah mich mit großen Augen an. An seinem Blick erkannte ich, dass er einerseits ebenso verwirrt war wie ich, andererseits die Befürchtung hegte, ich könne nun durchdrehen. Ich atmete tief durch und streckte mich. Wo immer wir auch waren, wir mussten es herausfinden, und zwar, indem wir Ruhe bewahrten. Die Devise musste sein, sich erst einmal gemeinsam einen Überblick zu verschafften. Ich erklärte Milan meine Idee, wobei ich ihn bei der Hand nahm, die er mir sehr ausnahmsweise nicht entzog. Haithabu, also das Museumsdorf, lag südöstlich vom Baum. Irgendwo links vom Baum, wenn man ihn vom Parkplatz aus erreichte, war Wasser. Dieses zog sich auf jeden Fall bis Haithabu, also dem Museumsdorf; schließlich gab es dort einen Hafen. Aber wo wir genau waren, erschloss sich mir dennoch nicht; es war schlicht kein Weg zu erkennen. Wir waren auf der linken Seite aus dem Baum gestiegen. Komisch, vorhin war dieser Ausgang noch von Wurzeln versperrt gewesen. Oder hatte ich mich geirrt? So, wie wir aus dem Baum geklettert waren, musste das Museum hinter uns liegen, Aber auch hinter uns versperrte undurchdringliches Dickicht jegliche Sicht auf mögliche Häuser. Ich drehte mich buchstäblich im Kreis und wir gingen einmal um den Baum herum. Und noch einmal. Dabei fiel mein Blick in der Tat auf einen kleinen Pfad, den wir zuvor übersehen hatten, so klein war er. Das konnte nicht der Waldweg sein, den wir vorhin genommen hatten. Niemals. Er endete zudem nach wenigen Metern. Die Sonne geht im Osten auf und bewegt sich nach Westen. Am Schatten der Sonne kann man erkennen, wohin… »Komm Oma, ich habe Hunde bellen gehört, ganz in der Ferne.« Auch so ein Punkt, mein Gehör ist eine Katastrophe. Jung zu sein hat schon seine Tücken. Aber alt werden ist wirklich nichts für Feiglinge. Da Milan in die Richtung zog, die ich so halbwegs angedacht hatte, vertraute ich deshalb seinem Gehör und wir machten uns auf den Weg. Nach einigen hundert Metern durch Dickicht und Unterholz erkannte ich einen kleinen Weg. Er war kaum größer als ein von Tieren getrampelter Pfad, immerhin, wir hatten einen Weg.
„Wann, denken Sie, hat alles angefangen? Und womit?“
Die alte Frau hörte die Worte und wusste, sie musste antworten. Schließlich hatte sie diesem Gespräch zugestimmt. Dem jungen Mann vor ihr ging es doch letztlich nur um Schlagzeilen, solche, die das Volk lesen wollte, es aufrüttelte, kurz. Damit es gleich darauf wieder in sich zusammensacken und in den gnädigen Schlaf der Unwissenheit fallen konnte. „Hallo, hören Sie mich?“ Der Reporter gab sich redlich Mühe, die leichte Ungeduld in seiner Stimme nicht durchklingen zu lassen. Dennoch war die Ungeduld da, sie hörte sie genau und konnte sie sogar verstehen.
„Womit alles angefangen hat? Sie sah ihr Gegenüber an und war erstaunt über sich selbst, darüber, dass sie sich immer noch wunderte, wenn ihr ein verständnisloser Blick förmlich ins Gesicht sprang. „Mammut, Säbelzahntiger, menschliche Evolution….Hatten Sie das nicht in der Schule, haben Sie keine Bücher dazu gelesen?“ Sie wusste, sie outete sich damit eindeutig als jemand, der noch fest in alten Strukturen verhaftet war. Aber deswegen war der Mann doch hier, sie zu begutachten, die Stimme eines der letzten musealen Exemplare der Alten Zeit zu hören. Ihr Ton wurde sanfter. „Sehen Sie, als ich zur Schule ging, da lasen wir Bücher. Spätere Generationen verschwanden zunehmend in der digitalen Welt. Unterricht und Klassenfahrten fielen immer öfter aus. Lehrkräfte fehlten. Das ist jetzt 30 Jahre her.“ Die Antwort kam prompt. „Sie wollen mir erzählen, Ihre Generation hätte ein gutes Leben geführt? Sie sind alle völlig sinnlos mit Autos und Flugzeugen gereist, sie haben mit Gas und Kohle geheizt und mit riesigen Schiffen die Meere verpestet, auch noch, nachdem der Fischfang längst verboten war.“ Die alte Frau unterbrach ihn: „Gut gelernt.“
Der Schleier
Manchmal ist mir,
als wäre der Schleier hauchdünn
der vor meinen Augen liegt
Manchmal scheint mir,
als liege vor mir eine Tür
durch die ich nur gehen muss
Manchmal träume ich,
ich wäre auf dem richtigen Weg
und käme gleich an
...Ich darf liegen bleiben, weiterschlafen, niemand da, der etwas von mir will, überhaupt niemand da, nur ich, keine Arbeit, keine Aufgabe, erst morgen wieder.....zu viel Alkohol, zu viel Rauch, das andere auch. Ich muss lachen, weil ich reime und weil das andere ohnehin kaum vorkommt. Ich bin allein, die flüchtigen Abentuer zählen nicht, aber sie decken meine Einsamkeit zu wie ein mottenzerfressener Mantel...
Grundsätzlich kann man sagen, dass der überwiegende Teil der Weltbevölkerung in klar strukturierten Macht- und Hierarchieverhältnissen lebt. ...
..."In meiner Heimat sind Lehrer "Götter". wir nähern uns nur mit Respekt. Wir grüßen immer höflich, und wenn wir in der Klasse sind, stehen wir auf, wenn er (sie) hereinkommt. Wir widersprechen auch nicht, zumindest nicht offen. Und hier? Auf dem Schulhof laufen alle durcheinander, sind laut. Die Lehrer auf dem Schulhof werden meist ignoriert. Manche Schüler machen sogar laut Witze über die Lehrer, manche mit ihren Lehrern zusammen. Die Deutschen kennen keinen Respekt." (Madhu aus Nepal 1998 bei einem Besuch des Gymnasiums in Bad Honnef)
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